Modul 3 – Risikobewertung durch die Polizei zur Verbesserung von Reaktionen auf Fälle häuslicher Gewalt

Herzlich willkommen! Am Ende dieses Moduls werden Sie Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in folgenden Bereichen erweitern:
  1. Risikobewertung und wie sie von der Polizei zum Schutz der Opfer bei Ermittlungen in Fällen von Gewalt gegen Frauen eingesetzt werden sollte
  2. Risikobewertungsinstrumente: Was macht ein hochwertiges Instrument aus?
  3. Risikomanagement: Wie kann man am besten auf Fälle mit unterschiedlichen Risikostufen reagieren bzw. sie handhaben, um die Sicherheit und Wirksamkeit der Polizeiarbeit zu maximieren?

Die Polizei ist oft die erste Anlaufstelle für Frauen, die Opfer von Gewalttaten geworden sind

Was sind die wichtigsten Elemente der Risikobewertung?

Herausforderungen bei der Risikobewertung durch die Polizei in Fällen Häuslicher Gewalt

Identifizierung und Dokumentation von Risikofaktoren

Wichtigste Risikofaktoren auf Opfer- und Täterseite

Formulierungshilfen für die Erhebung von Risikofaktoren

Wie sammelt man Beweise?

Definition von Risikostufen

Risikobewertungsinstrumente und Risikomanagement für Fälle von Häuslicher Gewalt

Kriterien für ein gutes Instrument zur Risikobewertung

Risikomanagementstrategien

Optimale Schutzmaßnahmen für KEIN oder GERINGES Risiko

Häusliche Gewalt – wie wird sie definiert?

Die Beamten müssen häusliche Gewalt zunächst als solche erkennen. In einigen Ländern gibt es dafür klare Definitionen, in anderen nicht.

Hierzu hat die Polizei in Deutschland eine interne Klassifizierung und eigene Risikobewertungsinstrumente.

Risikobewertung durch die Polizei

~ 0 %
aller Anrufe bei der Polizei sind HG-Fälle

Die Polizei muss vor Ort schnell entscheiden, wie sie Frauen und ihre Kinder schützen kann

Es gibt verschiedene Methoden zur Risikobewertung, die oft in sehr kurzer Zeit und unter stressigen Bedingungen durchgeführt werden

Die Polizei verwendet in der Regel eine Kombination aus Risikobewertungsinstrumenten, professionellem Urteilsvermögen und Erfahrung an, um Risikofaktoren zu bewerten

Standardisierte Risikobewertungsinstrumente sollen der Polizei helfen, den Grad des Risikos zu bestimmen, um zu entscheiden, wie zu reagieren ist. In Deutschland hat die Polizei dazu i.d.R. interne Verfahren

Bestandteile der Risikobewertung

  • Die Bewertung des Risikos einer potentiellen Rückfälligkeit ist eine technisch-wissenschaftliche Tätigkeit, die darin besteht, die Wahrscheinlichkeit einer neuen Gewalttat in einem bestimmten Zeitraum abzuschätzen. Als Grundlage dient die Bewertung von Risiko-/Schutzfaktoren, deren Zusammenhang insbesondere mit einem schweren oder tödlichen, empirisch nachgewiesen wurde.

  • Es ist wichtig, alles zu wissen, was im Zusammenhang mit dem jeweiligen Indikator geschehen ist.

  • Die Risikofaktoren und Indikatoren, die die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls und das Risiko, dem das Opfer ausgesetzt ist, bestimmen, können folgende sein: Diese Faktoren und Indikatoren wurden dem Risikobewertungssystem VioGén entnommen, einem bahnbrechenden Instrument zur Risikobewertung in Fällen geschlechtsspezifischer Gewalt durch die Polizei in Spanien.

  • Das vom Opfer selbst wahrgenommene Risiko (Selbsteinschätzung) sollte berücksichtigt werden. Für Betroffene kann es schwierig sein, einzelne Risikofaktoren einzuschätzen, aber es kennt den Täter und weiß, wie er in bestimmten Situationen handelt.

  • Zusätzlich zu den gestellten Fragen ist es wichtig, die Frau zu Wort kommen zu lassen und die Fakten so zu erzählen, wie sie sich daran erinnert.

  • Unterbrechen Sie die Frau nicht in ihrer Erzählung, damit sie sich einerseits frei äußern kann und sich sicher fühlt und andererseits nichts von dem, was sie erzählt, vergisst.

Herausforderungen bei der Risikobewertung durch die Polizei in Fällen von HG

  • Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt erleiden oder erlitten haben, befinden sich in der Regel in einer Stress- und/oder Traumasituation und haben eine starke emotionale Bindung zum Täter, was es ihnen schwer macht, die Fakten objektiv zu erzählen. Deshalb müssen die staatlichen Sicherheitskräfte und -einrichtungen in der Lage sein, sich in das Opfer hineinzuversetzen und die Systematik von HG zu verstehen.

  • Die Polizeibeamten können bei der Beurteilung und Erfassung des Berichts auf zahlreiche Schwierigkeiten stoßen. Die Nervosität des Opfers, die emotionale Bindung, die dazu führen kann, dass das Opfer die Tatsachen in seiner Schilderung herunterspielt, das Fehlen eines angemessenen Raums, in dem sich das Opfer sicher fühlen kann, um über das Geschehene zu sprechen, die Angst vor Vergeltung sowie möglicherweise die fehlende Ausbildung in diesem Bereich erschweren die Interpretation der erhaltenen Informationen.

Risikofaktoren, auf die man in Fällen von HG achten sollte

  • Kombination verschiedener Arten von Gewalt, einschließlich physischer, psychologischer, sexueller und digitaler Gewalt
  • Zunehmende Schwere der Gewalt: Androhung oder Einsatz von Waffen, gravierendere Verletzungen
  • Zunehmende Häufigkeit der Gewaltanwendung
  • Behinderung,
  • psychische Krankheit,
  • Drogenmissbrauch,
  • niedriges Einkommen,
  • fehlende familiäre Unterstützung.
  • Übergriffe gegen aktuelle oder frühere Partner in der Vergangenheit,
  • psychische Störung,
  • Sucht,
  • Arbeitslosigkeit,
  • extreme Eifersuchtsbekundungen.

Empfehlungen zur Erhebung von Risikofaktoren

  1. Das Verfahren sollte in einem sicheren Raum stattfinden, damit das Opfer sich ohne Angst äußern kann. Der Täter sollte nicht im selben Raum sein
  2. Wenn möglich, sollten die Risikobewertung von speziell geschultem Personal (bei weiblichen Opfern vorzugsweise weiblichen Beamtinnen) durchgeführt werden
  3. Beamte sollten eine freundliche, einfühlsame und nicht-technische Sprache nutzen
  4. Beamte sollten objektiv bleiben und Wertungen vermeiden
  5. Das eigene Sicherheitsempfinden des Opfers sollte immer mit einbezogen werden
  6. Die Beamten sollten dem Opfer Hilfestellung bei der Anzeigestellung geben
  7. Die Beamten sollten die gesamte Gewalthistorie erfragen und nicht nur das aktuelle, einzelne Ereignis
  • Die Befragung sollte in einem sicheren Raum stattfinden, in denen das Opfer keine Möglichkeit hat, dem Täter zu begegnen und wo es sich frei und ohne Angst äußern kann.
  • Das Risiko sollte objektiv bewertet werden, ohne das Opfer zu verurteilen und mit ausreichender Äußerungsmöglichkeit der Frau.
  • Es wird dringend empfohlen, dass der/die Beamte der Antragstellerin Hilfestellung gibt, wie die Anzeige zu strukturieren ist und wie der Sachverhalt zu schildern ist. Auch die Vorgeschichte (wiederholte Gewalt) ist wichtig, man sollte sich nicht auf ein einzelnes spezifisches Ereignis zu konzentrieren.

Beweissicherung

  • Machen Sie Fotos vor Ort: Fotos erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Strafverfolgung um 50 %.
  • Befragen Sie Zeugen: Die Wahrscheinlichkeit der Strafverfolgung steigt um 60 %, wenn ein Beamter mehr als einen Zeugen in einem Bericht über häusliche Gewalt aufführt
  • Identifizieren Sie weitere mögliche Anklagepunkte gegen den Täter, z. B. die Gefährdung von Kindern
  • Schließen Sie die Untersuchung noch am selben Tag ab und leiten Sie den Bericht so schnell wie möglich an die Staatsanwaltschaft weiter

Definition der Risikostufen

Die Risikostufen können wie folgt klassifiziert werden: nicht identifiziert, niedrig, mittel, hoch und extrem. Eine Risikoeinschätzung sollte niemals unterschätzt werden, denn auch wenn das Risiko zu einem bestimmten Zeitpunkt gering ist, kann es jederzeit wieder steigen.

Gering

Die aktuellen Anzeichen deuten nicht auf die Wahrscheinlichkeit einer ernsthaften Schädigung des Opfers hin (z. B. verbaler Streit zwischen Partnern)

erkennbare Anzeichen für ein Risiko, der Täter hat das Potenzial, dem Opfer ernsthaften Schaden zuzufügen, aber es ist unwahrscheinlich, dass er dies tut, sofern sich die Umstände nicht ändern

Erkennbare Indikatoren für ein Risiko, das sich jederzeit verschlimmern kann und schwerwiegende Auswirkungen hat; in der Regel eine Vorgeschichte von Missbrauch und extremer Gewalt

unmittelbare und unmittelbare Bedrohung des Opfers durch schweren Schaden oder sogar Tod

 Der Täter hat sowohl die Absicht als auch die Fähigkeit bewiesen, dem Opfer schweren Schaden zuzufügen, so dass ein Eingreifen zum Schutz des Opfers dringend erforderlich ist

Es ist wichtig, dass der Frau immer zwei spezialisierte Polizeibeamte als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, die ihren Fall weiterverfolgen und dafür sorgen, dass die Schutzmaßnahmen nach der Beurteilung durchgeführt werden.

Unabhängig vom Risikoniveau sollten die Opfer wissen, dass sie sich im Falle eines Vorfalls an sie wenden können und dass sie eine neue Risikobewertung durchführen lassen sollten, um die polizeilichen Schutzmaßnahmen an ihre Bedürfnisse und ihre Situation anzupassen.

Instrumente zur Risikobewertung sollten…

  • auf nachgewiesenen Forschungsergebnissen und nicht auf persönlichen Meinungen, Einschätzungen oder Ideen basieren
  • mit Opfern getestet worden sein, um sicherzustellen, dass die Fragen gut verstanden werden können
  • …nur nach einer entsprechenden Schulung verwendet werden
  • jedes Jahr evaluiert werden, um festzustellen, ob es den Bedürfnissen der Polizei entspricht, um eine erste Risikobewertung korrekt durchzuführen

Risikomanagement für HG-Fälle

Die Polizei kann während des Einsatzes oft keine ausführliche Beratung für Opfer und Täter anbieten

führen Sie eine erste Risikobewertung und Sicherheitsplanung durch

verweisen Sie dann an auf häusliche Gewalt spezialisierte Dienste innerhalb oder außerhalb der Polizeidienste, z.B. Frauenberatungsstellen, Weißer Ring etc.

Strategien des Risikomanagements

Beobachtung

Der Beamte führt Gespräche, Besuche beim Opfer oder beim Täter (oder bei beiden) durch, um eine mögliche Veränderungen des Risikos zu beobachten

Maßnahmen

Der Beamte entscheidet, welche Maßnahmen dem Täter auferlegt werden sollen, um die Sicherheit des Opfers zu gewährleisten, z. B. Festnahme, Wegweisung usw

Weitervermittlung

Überweisung des Opfers an ein Krankenhaus, Vermittlung an ein Täterprogramm, eine Opferhilfe-Hotline oder eine Frauenberatungsstelle, Vermittlung an Sozialdienste in Fällen von Drogen- oder Alkoholmissbrauch, Kriseninterventionstellen, Jugendamt…

Optimale Schutzmaßnahmen für KEIN oder GERINGES Risiko

KEIN ERKANNTES HOCHRISIKO

INFORMATIONEN & UNTERSTÜTZUNG:
  • Informationen für Opfer über regionale Beratungsangebote
  • Individuelle Beratung zur Sicherheit des Opfers
  • Informationen für die Täter über spezielle Täterprogramme

GERINGES RISIKO

INFORMATIONEN & UNTERSTÜTZUNG
+ OPERATIONAL:

FÜR DAS OPFER: Anbindung an die Polizei und Fachberatungsstellen

FÜR DEN TÄTER:

  • Gefährderansprache, Aufklärung über polizeiliche Maßnahmen wie Wegweisung, Informationen zu Täterprogrammen
  • Falls er im Besitz eines Waffenscheins ist, verlangen Sie von ihm, dass er die Waffe(n) und den Waffenschein freiwillig der Polizei aushändigt und anschließend den gerichtlichen Entzug beider Dokumente beantragt

Risikobewertung für “vulnerable” Gruppen:

    • Beurteilung der körperlichen und kognitiven Einschränkungen
    • Beurteilung der Abhängigkeit des Opfers vom Täter (z.B. ökonomisch)
    • Untersuchung auf soziale Isolation und mögliche Anbindungsmöglichkeiten
    • Beurteilung auf Eskalation des Drogenkonsums durch die Gewalt
    • Prüfung auf Manipulation und Kontrolle durch den Substanzmissbrauch
    • Prüfung auf Probleme bei der Berichterstattung und Glaubwürdigkeit
    • Anbindung an eine Suchtberatungsstelle
  • Prüfen Sie das Vorliegen von körperlichen oder kognitiven Einschränkungen: Ältere Opfer können körperliche Einschränkungen, chronische Krankheiten oder Behinderungen haben, die sie anfälliger für häusliche Gewalt machen und durch die sie weniger in der Lage sind, sich selbst zu schützen oder Hilfe zu suchen

  • Prüfen Sie, ob das Opfer vom Täter abhängig ist: Die Opfer sind möglicherweise in Bezug auf die täglichen Bedürfnisse auf den Täter angewiesen (z.B. durch Pflege), was die Anzeige der Gewalt oder die Flucht vor der Gewalt erschwert. Ältere Personen fürchten möglicherweise eine Stigmatisierung fürchten oder die Unterbringung in einer in Pflegeeinrichtungen.

  • Prüfen Sie das Vorliegen einer möglichen soziale Isolation: Ältere Opfer können aufgrund von Mobilitätsproblemen, des Verlusts sozialer Netzwerke oder der bewussten Abgrenzung von anderen sozial isoliert sein.

  • Untersuchung auf Macht- und Kontrolldynamik: Der Täter behandelt das Opfer möglicherweise als weniger fähig oder unwürdig, kontrolliert seine Finanzen und setzt emotionalen und psychologischen Missbrauch, einschließlich Manipulation und Drohungen ein, um es gefügig zu machen.

  • Prüfen Sie, ob Kommunikationsschwierigkeiten bestehen: Hör- oder Sprachstörungen oder ein Zögern aufgrund von Angst oder Misstrauen können die Kommunikation und Entscheidungsfindung behindern.

Herausforderungen beim Risikomanagement

Polizei: Begrenzte Möglichkeiten

Polizei: Rollenüberlastung

Risikobewertung für potentielle Femizide sind schwierig

Polizisten sind keine geschulten psychosozialen Fachberater

Hoher Bedarf an sozialarbeiterischer Unterstützung für die komplexen Themen von HG, doch die Opfer erhalten diese Unterstützung oft mit Verzögerung

Rollenspiel zum Risikomanagement

“Eine Frau kommt zu einer Polizeiwache und gibt an, Angst zu haben, weil ihr Mann sie am Hals gepackt hat. Sie hat keine körperlichen Verletzungen, befindet sich aber in einem Zustand der Angst. Die beiden haben zwei Kinder im Alter von 4 und 7 Jahren und waren zum Zeitpunkt des Vorfalls im Haus”.

Welche Fragen könnten ihr die Beamten vor Ort stellen, um ein Risikomanagement durchführen zu können?

Welche Schritte würden Sie unternehmen, um diese Frau zu schützen und einen weiteren Übergriff zu verhindern?

Erprobung neuer Wege zur Verbesserung der polizeilichen Reaktion

Rapid Video Response (RVR) tool im Vereinigten Königreich: bietet Opfern an einem sicheren Ort eine sofortige Video-Erstmeldung, wenn der Täter nicht anwesend ist: 3-Minuten-Reaktionszeit im Vergleich zu 32 Stunden

Gemeinsames Einsatzteam: Polizei und Sozialarbeiter*innen reagieren gemeinsam vor Ort bei Fällen häuslicher Gewalt: Diese vielversprechende Praxis trägt zur besseren Deeskalation von Krisensituationen bei, erleichtert die Vernetzung der Betroffenen mit Hilfsangeboten, entlastet das Strafjustiz- und Gesundheitssystem und fördert die Kosteneffizienz.

Quellen:

https://science.police.uk/delivery/case-studies/improving-response-to-victims-of-domestic-violence/ 

International Association of Chiefs of Police, Assessing the Impact of Co-Responder Team Programs

Kernaussagen zur Risikobewertung durch die Polizei

Wichtige Risikofaktoren

Zeitspanne zwischen den Gewaltausbrüchen

Risikobewertung

DYNAMISCHER Prozess, unterschiedlich im Zeitablauf

Zwangskontrolle

Achten Sie auf Muster, um zu verstehen, warum weibliche Opfer nicht in der Lage sind, den Täter zu verlassen; verwenden Sie Zeugenaussagen Dritter und physische oder digitale Beweise als Beweis dafür

Die Rolle der Polizei

Die Polizei nimmt vor Ort eine erste Risikobewertung vor → und überweist dann an Fachpersonal für eine umfassende Risikobewertung.

Selbstbeurteilung